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Klimaschutz versus Corona

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Die Mehrheit der Bürger unseres Nachbarlandes Österreich verlangen laut einer Studie vom Juni 2020: ” Die Energie für diesen Planeten muss grün sein!”

Die Akzeptanz für erneuerbare Energien ist trotz – oder vielleicht gerade wegen – COVID-19-Pandemie anhaltend hoch. Immer mehr Menschen fordern klima- und energiepolitische Maßnahmen. Allerdings bezweifelt rund ein Viertel der Österreicher, dass sich die Politik nachhaltig für den Klimaschutz einsetzt.

Das für die österreichische Bevölkerung repräsentative Ergebnis überrascht besonders in einem Punkt: Die Österreicher sind auch mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit Ende des zweiten Weltkrieges den erneuerbaren Energien gegenüber sehr positiv eingestellt. Und: Die globale Klimakrise bereitet jetzt mehr Sorgen denn je.

Die Klimakrise beunruhigt die Österreicher trotz der COVID-19-Pandemie weiterhin. Knapp die Hälfte der Befragten sieht in der Klimakrise eine vergleichsweise größere Gefahr für das Wohlergehen der Menschen in den nächsten zehn Jahren. Allerding stehen 83 % dem derzeitigen positiven Klimaeffekt, der durch die COVID-19-Einschränkungen herbeigeführt wurde, skeptisch gegenüber. Ohne wirksame Investitionen in den Klimaschutz ist für mehr als die Hälfte die nächste Krise vorprogrammiert.

Im April 2020 hatte der FAS-Journalist Christoph Schäfer ein Gespräch mit dem Biologen Volker Mosbrugger. Auch dieser kommt, wie nachstehend zitiert, zu der Aussage

“Der Klimawandel ist gefährlicher als Corona!”

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Prof. Dr. Dr. h. c. Volker Mosbrugger. Foto: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung/Tränkner
Der Biologe Volker Mosbrugger über die positiven Folgen der Corona-Krise für die Natur, den volkswirtschaftlichen Schaden der Landwirtschaft und warum Tesla in Berlin alles richtig macht.

Herr Mosbrugger, die Wirtschaft steht nahezu still. Ist der weltweite Shutdown gut für die Umwelt?

Für die Umwelt ist er prima. Die Verschmutzung der Luft und auch die CO2-Emissionen haben deutlich abgenommen.

Das Umweltbundesamt sagt, Deutschland könne wegen des Kohleausstiegs und der Corona-Krise seine Klimaziele noch erreichen. Das klingt ebenfalls positiv.

Die Corona-Krise zeigt das Dilemma, in dem wir stecken. Das ganze Geschäfte machen, das Reisen und die Produktion führen dazu, dass es uns gut geht. Aber sie sind schädlich für die Natur, weil wir bis jetzt keinen nachhaltigen Umgang mit ihr gefunden haben. Die Wirtschaft funktioniert im Moment nicht, aber die Natur erholt sich gerade.

Aber der jetzige Zustand kann doch keine Lösung sein!

Wir werden einen Kompromiss finden müssen. Was wir jetzt mit Corona erleben, das gibt einen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wenn wir weiter so schlecht mit unserer Natur umgehen.

Wieso das? Für die Corona-Krise ist ein Virus verantwortlich. Das ist doch nicht wegen Umweltschäden aufgetaucht.

Die Wirkung ist aber ähnlich. Umweltkrisen werden schnell zu Wirtschaftskrisen und dann zu politischen Krisen. Stellen Sie sich einmal vor, an Europas Grenzen stehen nicht nur 10.000 Menschen wie jetzt, sondern 50 Millionen Umweltflüchtlinge, deren Heimat zum Beispiel durch einen Anstieg des Meeresspiegels keine Lebensgrundlage mehr bietet.

Was ist Ihrer Ansicht nach gefährlicher: Die Corona-Krise oder der Klimawandel?

Gar keine Frage: Der Klimawandel ist die größere Bedrohung. Er hat sehr viel langfristigere Konsequenzen und ist
schwieriger zu bewältigen. Und dann kommt noch der Verlust an Biodiversität dazu.

Führt die globale Rezession auch beim Artensterben zu einer Verschnaufpause?

Die Krise ist noch zu kurz, um das Artensterben zu verlangsamen. Außerdem sind die Themen, die das Artensterben vorantreiben, gerade kaum eingeschränkt. Der Amazonas wird immer noch gerodet, und die Landwirtschaft bringt unverändert Pestizide und Düngemittel auf die Felder.

Die Naturschutzorganisation WWF warnt vor dem größten Artensterben seit Ende der Dinosaurier-Zeit. Ist diese drastische Mahnung berechtigt?

Sie ist berechtigt, wenn man sich anschaut, wie schnell Arten derzeit verschwinden. Die Geschwindigkeit entspricht dem Massensterben aus der Kreidezeit. Damals sind 75 Prozent der Arten verschwunden. Dieses Ausmaß haben wir Gott sei Dank noch lange nicht erreicht. Aber die Aussterberate ist beängstigend, zehn- bis tausendmal höher als normal.

Wie viele Arten sind schon verschwunden?

Es gibt eine große Studie des Weltbiodiversitätsrats aus dem Mai 2019. Demnach sind eine Million von etwa acht
Millionen Tier- und Pflanzenarten aktuell vom Aussterben bedroht. Einzelne konkrete Studien kommen zu deutlich dramatischeren Befunden. Ohnehin geht es aber nicht nur darum, ob eine Art global verschwindet. Es geht auch darum, ob uns an Ort und Stelle die Dienstleistungen der Natur fehlen. Dann es die Art zwar noch irgendwo auf der Welt. Aber da, wo ich sie brauchte, ist sie weg.

Beispielsweise wenn einem Bauern im Taunus genug Bienen für seine Felder fehlen?

Ja, aber nicht nur. Denken Sie an die Bodenbildung, damit Weizen oder Kartoffeln überhaupt erst wachsen können. Die Bodenbildung hängt mit Lebewesen zusammen, die permanent Stoffwechsel generieren, den Boden umbilden und neue Nährstoffe freisetzen. In den Gebirgsregionen sehen wir überall Probleme mit Erosion, weil wir die Pflanzendecke zerstört haben. Die Schäden durch den Rückgang solcher Öko-Dienstleitungen liegen global bei etwa 3 bis 4 Billionen Dollar im Jahr!

Der WWF sagt, dieses Jahr könnte zum Wendepunkt für die biologische Vielfalt werden. Solche Warnungen hört man immer wieder: Es gehe nur noch jetzt sofort, sonst sei alles zu spät. Ist das Panikmache oder wissenschaftlich begründet?

Ich kämpfe gegen solche Aussagen. Ich höre seit 30 Jahren immer wieder, es sei fünf Minuten vor zwölf. Wenn das stimmen würde, müsste es nach 30 Jahren ja locker fünf nach zwölf sein. Aber es bleibt offenbar immer fünf Minuten vor zwölf.

Also alles Quatsch?

Ja und nein. Es gibt schon sogenannte Kipppunkte, an denen ein System vergleichsweise schnell von einem Zustand in einen anderen übergeht. Wenn ich einen Gegenstand beispielsweise immer weiter über eine Tischkante schiebe, passiert lange nichts, dann aber fällt er plötzlich nach unten. Solche Kipppunkte gibt es auch in der Natur, aber sie sind in der Regel regionale Ereignisse und nicht global. Ein See kann beispielsweise umkippen und sauerstoffarm werden. Das passiert aber nur in diesem einen See und nicht in allen Seen weltweit gleichzeitig. Die kippen höchstens nach und nach um. Deshalb gilt schon: Je früher ich aktiv werde, desto besser.

Was schlagen Sie vor?

Das Problem ist, dass die Nutzung der Natur viel zu wenig kostet. Es muss erheblich teurer werden, Kohlendioxid in die Luft zu blasen, Ressourcen zu verbrauchen oder die Natur als Mülldeponie zu missbrauchen.

Wir sind mitten in einer tiefen Rezession. Ist das wirklich ein guter Zeitpunkt, um die Kosten zu erhöhen?

Man sollte der Wirtschaft sicher eine Chance geben, sich erst mal zu erholen. Aber schon beim Hochfahren nach der Corona-Krise können wir ja möglichst viel nachhaltig gestalten. Wir sehen jetzt ja gerade, dass es auch mit weniger Dienstreisen und mehr Homeoffice geht. Wir müssen nachhaltiger mit unserer Natur umgehen.

Und wie kommen wir dahin?

Heute versuchen wir, jedes Problem einzeln zu lösen. Beim Sprit verordnet der Staat, wie viel Biotreibstoff rein muss. Dann werden Plastiktüten aus dem Handel verbannt. Wir müssen aus dieser Mikro-Regulatorik raus, die funktioniert nicht. Es ist viel besser, das systemisch zu machen.

Wie denn?

Die Lösung ist relativ einfach: Wir verpflichten jedes Unternehmen dazu, künftig nicht nur seine Finanzkennzahlen zu bilanzieren, sondern auch seine Auswirkungen auf die Menschen und den Planeten. Dann kann jeder Investor verstehen, welches Unternehmen nachhaltig ist und welches nicht.

Wer mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigt und an der Börse notiert ist, muss schon heute einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen.

Ja, aber die Berichte sind nicht standardisiert und messen alles Mögliche. Mal angenommen, ein Unternehmen ist bei der Gleichstellung besonders gut und bezogen auf die Umwelt besonders schlecht: Wie nachhaltig ist so eine Firma denn nun?

Keine Ahnung.

Deshalb sollten alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – “People”, “Planet” und “Profit” – in Euro oder Dollar gemessen werden. Die Unternehmen könnten beispielsweise bilanzieren, welchen Einfluss sie auf die Kaufkraft ihrer Leute haben. Sie könnten die gesamte Lohnsumme angeben und das Durchschnittsgehalt eines Angestellten. Dann fehlen nur noch die Auswirkungen auf den Planeten.

Wie sollen die gemessen werden?

Auch in Euro oder Dollar. Die Berater von Boston Consulting haben das kürzlich für die deutsche Landwirtschaft gemacht. Die kommen zum Ergebnis, dass die deutschen Landwirte jährlich eine Bruttowertschöpfung von etwa 21 Milliarden Euro erreichen, die Umweltschäden aber 90 Milliarden Euro betragen. Das ist ein verdammt schlechtes Geschäft für die Gesellschaft. Deshalb muss ich die 90 Milliarden umlegen auf die Produkte. Wenn ich dann mein Rindfleisch kaufe, zahle ich nicht nur den Herstellungswert und einen kleinen Gewinn an den Bauern, sondern auch dafür, dass die Umweltschäden repariert oder kompensiert werden.

Dann wird Fleisch fünfmal so teuer.

Ja.

Dann können sich Ärmere höchstens noch einmal in der Woche Fleisch leisten. Das wird nicht gut ankommen.

Das ist das Argument, was immer dagegen gehalten wird: “Das verträgt der Verbraucher nicht!” Manchmal auch: “Das verträgt die Wirtschaft nicht!“ Aber dieses Argument hat man auch benutzt, als wir die soziale Marktwirtschaft eingeführt haben. Der reine Kapitalismus hat sich nur um die Firmen und ihren Profit gekümmert. Dann hat man festgestellt, dass die Bevölkerung unruhig wurde und es so auf Dauer nicht funktionieren kann. Deshalb kam die soziale Marktwirtschaft. Die war auch nicht umsonst. Es kostet richtig Geld, anständige Löhne zu zahlen, Arbeitsplätze sicher zu machen und die Gesundheit in den Blick zu nehmen. Aber die Wirtschaft hat es verkraftet.

Familien geben im Monat 500 bis 700 Euro für Lebensmittel aus. Wenn Sie alles fünfmal so teuer machen, sprengen Sie deren Nettogehalt.

Das ist richtig. Trotzdem gilt ganz grundsätzlich: Wir zahlen zu wenig für unsere Lebensmittel. Statistisch gesehen
wenden wir in Deutschland nur etwa 10 Prozent unseres Einkommens dafür auf. Gesundes und umweltverträgliches Essen muss uns mehr wert sein. Außerdem sollen die Preise ja nicht schlagartig steigen, sondern mit der Zeit. Darüber hinaus werden die höheren Preise zu einem Umdenken führen: Wenn Rindfleisch fünfmal so teuer wird, Kartoffeln aber nur doppelt so teuer, werden die Leute zu den weniger umweltschädlichen Produkten greifen.

Die werden begeistert sein, die Leute.

Ach, wissen Sie: Ich bin Jahrgang 1953. Bis Mitte der sechziger Jahre Jahre gab es bei uns nur am Wochenende Fleisch, und ich hatte nie das Gefühl, dass ich deswegen arm bin. Uns bleibt doch gar nichts anderes übrig, als die Umweltkosten schrittweise zu integrieren.

Die eine oder andere Urlaubsreise fällt dann aus.

Ja, die fällt aus. Aber dafür habe ich dann auch eine schöne Natur. Was ist denn die Alternative? Das Thema Umwelt- und Klima-Migration wird uns in Zukunft mehr und mehr beschäftigen. “Flatten the Curve“ ist auch hier die beste Strategie.

Wie wollen Sie die Umweltkosten überhaupt messen?

Wenn ein Energiekonzern eine Tonne Kohle verfeuert, dann lässt sich sehr schnell berechnen, wie viel CO2 dadurch in die Luft kam. Schwieriger wird es, wenn ein Landwirt Gülle aufs Feld fährt. Wenn das nur ein bisschen Gülle ist, tut es den Pflanzen sogar gut. Ist es zu viel, kommt Nitrat ins Grundwasser. In solchen Fällen muss der Bauer nachweisen, ob seine Gülleproduktion nachhaltig war.

Angenommen, der vorbildliche deutsche Bauer verfünffacht den Preis für sein Fleisch, der Landwirt aus Argentinien aber nicht. Dann überschwemmt argentinisches Fleisch den Markt und der deutsche Bauer
geht pleite.

Nein, das wird laufen wie bei der sozialen Marktwirtschaft: Andere Länder werden nachziehen. Bis dahin könnte die EU nicht-nachhaltigen Unternehmen erhebliche Zölle aufbrummen, wenn sie ihre Waren in der EU verkaufen wollen. Dann hätten die keinen Vorteil mehr davon, die Umwelt zu verschmutzen.

Die große Mehrheit der deutschen Wirtschaft besteht aus Freiberuflern, Handwerksbetrieben und Mittelständlern. Mein örtlicher Schreinermeister ist doch gar nicht in der Lage, so einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen.

Wieso nicht? Er macht ja auch eine Steuererklärung. Die ist auch schwer zu erstellen, aber am Ende klappt es bei allen. Wer seine Finanzkennzahlen bilanzieren kann, der kann auch die Effekte auf die Gesellschaft und die Umwelt angeben. Und wenn er für sein Holz Biodiversität zerstört hat, dann muss er beziehungsweise sein Kunde dafür zahlen.

Dann werden nicht nur meine Lebensmitte! und Flugreisen teurer, sondern auch noch mein Kleiderschrank?

Ja, natürlich! Aber Sie dürfen nicht vergessen: Die Umweltkosten für ihre Lebensmittel und Ihren Kleiderschrank
zahlt bisher die Allgemeinheit. Im Grunde genommen sage ich ja nur: Das geht so nicht, dafür müssen Sie schon selbst zahlen.

Angenommen, mein Schreiner hat durch seinen Holzbedarf den Tausendfüßler ausgerottet. Was war der denn konkret wert?

Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Deshalb ist es besser, das Preisschild nicht an den Tausendfüßler oder winzige Insekten dranzuhängen, sondern an einen Lebensraum und seine Ökosystemdienstleistungen.

Der amerikanische Autohersteller Tesla lässt für seine neue Fabrik in Brandenburg 90 Hektar Wald roden. Das
Unternehmen verspricht, das dreifach zu kompensieren. Ist damit alles gut?

Ja, das ist so wunderbar in Ordnung. Genau so muss es funktionieren.

Die Umweltschützer dort haben sich also sinnlos aufgeregt?

Aus meiner Sicht ja. Hinzu kommt: Das Waldstück von Tesla war ein Forst, der war ökologisch nicht besonders wertvoll. Wenn Tesla es geschickt macht, sind die Ersatzflächen nachher ökologisch wertvoller.

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